Lenggries

Flößervortrag beim Flößertag in Lenggries (v.l.): Gabriele Rüth (Flößerstraße), Peter Fischer (Schauspieler), Wiggerl Gollwitzer (Loisachtaler Bauernbühne), Hermann Paetzmann (Flößerstraße) - rechts die Lenggrieser Flößerfahne, siehe auch Film auf youtube; Foto (und Film): Jörg Schwenger.

Der heutige Luftkurort Lenggries ist eine alte Flößersiedlung im Herzen des Isarwinkels und am Nordrand des Karwendelgebirges, wo die Isar den Alpenraum hinter sich lässt. In ferner Vergangenheit war die Gegend um Lenggries dicht bewaldet, sie wurde erst im späten Mittelalter gerodet und besiedelt. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Lenggrieser neben der Landwirtschaft vor allem mit der Holzfällerei, der Flößerei und dem Kalkbrennen.

Der Ortsname Lenggries leitet sich ab vom „langen Gries“, den langgestreckten Kiesbänken an der Isar. Er taucht erstmals 1257 in einer Urkunde auf. Die längste Zeit unterstand Lenggries den wechselnden Herren von Burg Hohenburg (um 1100 errichtet). Noch heute entspricht das Gemeindegebiet dem Bereich der früheren Hohenburger Hofmark.

Sehr frühes Foto von einer Floßfahrt auf der Isar; Archiv Willibald.

In den 1780er Jahren ging nächst Lenggries viel Baumaterial nach München, wie zum Bau der Isarbrücke, des Mautgebäudes und gar eines Biberbassins. 1783 lieferten Lenggrieser Flößer 122 Marmorsteinflöße zum Bau der kurfürstlichen Schlösser Nymphenburg und Schleißheim: „Die neuen Stiegen im Lustschloß Schleißheim, so wie vieles in Nymphenburg, sind von diesem Marmor, der meist Asch- oder schwärzlichgrau mit großen licht, und dunkeln Flecken gegraben wird; es giebt auch eine hellere Gattung mit Seesternen, und ganz schwarze Fündlinge.“ Für die Schlossbauten wurde Marmor besonders aus dem Lenggrieser Marmorsteinbruch „beim Kohlhauf“ verwendet. Ströber schrieb 1794 über den Marmorbruch: „Den Marmorbruch unweit Lenggries im hochenburgischen Gebiet haben 1703 einige italienische Steinmezen abgeräumt, und ist selber 1715, da die Gegend, wo er sich befindet, an die Hörwarte (Hohenburg) gekommen.

In Kirchenrechnungen der Pfarrei St. Jakob konnte eine „Versammlung" der Floßleute ausgemacht werden. Diese Versammlung war, wie auch die Bruderschaft, eine kirchliche Vereinigung. Über diese kirchlichen Überlieferungen kann man die Flößer als Vereinigung weiter zurückverfolgen bis ins Jahr 1694. In den Rechnungsbüchern der Pfarrkirche St. Jakob um 1800, in den Jahren 1764 und 1694 sind eine „Floßmannschafts Versammlung", „Flos Versamblung" oder schlicht die „Flosleith alhier" als Spender für „Beleichtung und Opferwein" aufgeführt. Der Verein besitzt zudem ein „Einschreibheft der löbl. Floßleut Versammlung“ mit Einträgen von 1885 bis 1952. Die Tradition der Flößerei hält in Lenggries heute der Holzhacker- und Flößerverein hoch.

Sylvensteinstausee, rechts das Kraftwerk. Der See liegt im Gemeindegebiet Lenggries, auf seinem Grund liegt das für den See versunkene Dorf Fall; Foto S. Schwenger.

Ein streitbarer Flößer: Georg Miller

Georg Miller, ein Lenggrieser Floßmann und Kalkbrenner, war ein gestandenes Mannsbild, das sich seiner Haut zu wehren verstand. Um das Jahr 1775 wollte er an der Tölzer-Werdenfelser Grenze in Vorderriß eine Sägmühle errichten. Doch alle stellten sich gegen ihn. Vor allem seine künftigen Konkurrenten mit den „althergebrachten Rechten“. Denn um das Jahr 1780 gab es im Isartal zwischen Tölz und der Tiroler Landesgrenze 11 Sägemühlen. Zwischen Tölz und München gab es noch einmal etwa 20, sodass zwischen Tirol und München in etwa 30 Betrieben das Holz verarbeitet wurde. Diese große Zahl von Sägewerken und die deshalb befürchtete Konkurrenz, die gegenseitig entstehen konnte, wurde als einer der Gründe genannt, warum man gegen die Errichtung einer weiteren Sägemühle war. Auch das Hofmarksgericht in Hohenburg wollte es nicht genehmigen. Georg Miller wurde darauf so zornig, dass er von einem Münchner Advokaten gegen Richter von Braunmiller eine Schmähschrift über ihn verfassen ließ.

Der Richter reagierte mit Vorwürfen, unter anderem, „dass es im Isarwinkel genügend raue und ungesittete Leute“ gebe, die zu schlimmen Taten fähig wären. So die Ermordung des Hofmarkrichters Johann Klanner am 24. November 1705 zur Zeit der Vorbereitung zum Bauernaufstand gegen die österreichische Besatzungsmacht (Johann Klanner wurde damals durch einen Steinwurf getötet und seiner Barschaft beraubt). Auch sei Georg Miller ein Mensch, der ein böses Beispiel gebe. So sage der Beschuldigte beispielsweise ganz offen am Biertisch in Lenggries, man habe ihm von Hohenburg aus nichts einzureden, da er ein Grunduntertan des Kapitels Freising sei. Außerdem führe Miller einen lockeren Lebenswandel. Wenn er nämlich mit dem Floß nach München gefahren sei, habe er sich, obwohl er doch ein gemeiner Bauersmann sei, dort in den Kaffeehäusern zum Zeitungslesen aufgehalten. Und vor den Bewohnern von Lenggries und Umgebung brüste er sich darüber, die Gerichts- und Taxordnung zu Hause zu besitzen, was gar nicht erlaubt sei. Und überhaupt nenne er sich selbst einen „kleinen David“, der den Streit liebe und auch zu streiten verstehe. Miller sei ein „aufgelegter Bauernkönig“, der zudem noch überaus jähzornig werden könne, was schon allein die Angelegenheit mit der Huberwirtin aus dem Achentale beweise. Weil diese sich einmal herausgenommen hatte, in einer offenen Kutsche zu fahren, habe er sie mit dem blanken Schwert ermorden wollen.

Da Miller trotz alledem seinen Plan nicht aufgeben wollte, kam es schließlich zu einem Rechtsstreit vor dem Landgericht in Tölz. Im Ergebnis hat sich wohl zunächst die bayerische Landesregierung durchgesetzt. Als Gründe werden die befürchtete Konkurrenz und ein verbrieftes Privileg für die Sägmühle im tirolerischen Hinterriß genannt.

Die Ablehnung kann aber nicht sehr viel wert gewesen sein, denn eine Inschrift über der Tür des Sägegebäudes im Vorderriß ist ein Beweis, dass Millers Beharrlichkeit schließlich doch zum Erfolg geführt hat: „An Gottes Segen ist alles gelegen; wer den nit hat, der kommt zu spat. Miller'sche Erbrechtstag 1794."

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