16. April - 13. Mai 2015

Ausstellung "Kulturerbe Flößerei": Die Flößerei steht an erster Stelle 

Die Ausstellungsmacher bei der Eröffnung

Die "Ausstellungsmacher" bei der Eröffnung (v.l.): Hans-Werner Kuhlmann (LAW), Walter Obinger (Sparkasse), Gabriele Rüth (Flößerstraße) und Prof. Dr. Karl Filser (Uni Augsburg); ganz links: der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl (Foto: Kusch).

„Noch nie hatten wir so viele Besucher zu einer Ausstellungseröffnung wie heute“, sagte Walter Obinger, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen sichtlich erfreut bei der Eröffnung unserer Ausstellung „Kulturerbe Flößerei“. Über das große Interesse freuten sich vor allem Gabriele Rüth, unsere Vorsitzende des Vereins Flößerstraße, und Hans-Werner Kuhlmann, Vorsitzender des Vereins Lebendige Altstadt (und Mitglied bei uns).

Unser Verein hat die Aufnahme der Flößerei in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission zum Anlass genommen, dies gebührend mit einer Fotoausstellung mit Bildern der renommierten Fotojournalistin Erika Groth-Schmachtenberger (1906-1992) zu würdigen. Unserer Vorsitzenden war es gelungen, eine Auswahl aus der Sammlung Dr. Manfred Felle und der Fotosammlung Groth-Schmachtenberger der Universitätsbibliothek Augsburg zu erhalten. Die Bilder hatten unsere Schriftführerin Sabrina Schwenger und unser Vizevorsitzender Hermann Paetzmann in der Vorstufe aufwendig bearbeitet und die Firma Finest ausstellungsfertig gemacht.

Unsere Vorsitzende konnte zahlreiche Persönlichkeiten begrüßen – neben den örtlichen und aus der näheren Umgebung auch auswärtige, wie den Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl, Dr. Andreas Wüstefeld, Leiter des Tölzer Land Tourismus, Kreisheimatpflegerin Maria Mannes, Gisela Gleißl, Stabsstelle Tourismus, Museumsdirektor Hubert Lüttich, den Geschichtsforscher Jost Gudelius aus der Jachenau sowie eine Abordnung des Fördervereins Flößermuseum Lechbruck. Fragen der Besucher, sowie der BR-Journalistin Julia Binder beantworteten die Flößer und Flößerstraße-Mitglieder Franz und Sepp Seitner und Michael Angermeier. Der Bericht wurde gleich am nächsten Tag in der Sendung „Mittags in Oberbayern“ von B1 gesendet.

In der Ausstellung im Schalterraum der Sparkasse in der Sauerlacher Straße kommen die großformatigen schwarz-weiß-Aufnahmen, darunter zahlreiche Flößermotive und Flößerorte bestens zur Geltung. Erika Groth – Schmachtenberger gilt als eine der bedeutendsten bayerischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts, sie war eine Pionierin der Pressefotografie wie Kuhlmann in seiner Rede über Groth-Schmachtenberger berichtete. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, das sie 1987 erhielt, war viel durch Europa gereist. Sie suchte insbesondere Landschaften, Brauchtum und Handwerk als Bildmotive. Fasziniert hat die ausgebildete Profifotografin in jungen Jahren offensichtlich auch die Flößerei, denn rund um dieses Handwerk waren ihr beindruckende und überraschende Aufnahmen gelungen. „Ihr fotografisches Können wurde geprägt durch das Spiel mit Licht und Schatten, durch nahes Herantreten an das Motiv, durch scharfe Konturenziehung und ihrem Blick für ungewöhnliche Personen und Situationen“, beschrieb es Kuhlmann, und weiter: „Durch fotografieren aus der Untersicht erreicht sie, dass der Betrachter auch in vermeintlich bekannten Motiven Unbekanntes und Neues entdeckt.“

Flößerei steht an erster Stelle

Die einführenden Worte auf der Vernissage sprach Prof. Dr. Karl Filser von der Universität Augsburg. Er hatte für die Deutsche Flößereivereinigung erfolgreich das Gutachten für die Bewerbung zum Immateriellen Gutachten verfasst. Dabei erzählte er, dass sich insgesamt 83 kulturelle Vereinigungen und Einrichtungen auf die Ausschreibung hin beworben haben. Davon wurden von einem unabhängigen Komitee 27, darunter auch die Flößerei-Vereinigung,  ausgewählt, und am 16. März 2015 in Berlin ausgezeichnet worden. Sie alle können nun das Logo des Immateriellen Kulturerbe: „Wissen, Können, Weitergeben“ verwenden. „In der Internetpräsentation der deutschen UNESCO-Kommission steht die Flößerei sogar an erster Stelle - erstaunlicherweise, denn die Flößerei entspricht eher am Rande den für die Bewerbung aufgestellten Kriterien. Erst die letzte dieser Kriterien heißt „traditionelle Handwerkstechniken“, erzählte Filser. „Warum sie dennoch diesen ausgezeichneten Platz auf der UNESCO-Liste bekommen hat, hat mit Sicherheit damit zu tun, dass wir nicht krampfhaft den Versuch unternommen haben, der Flößerei doch noch eine wirtschaftliche Zukunft zu prognostizieren – etwa als besonders umweltfreundliche Alternative in der Logistikbranche“ -, wie er scherzhaft einwarf. „Sondern ich glaube, es hat damit zu tun, dass wir den Begriff des Immateriellen Kulturerbes in Verbindung mit der Flößerei herausgearbeitet und beschrieben haben. Die Flößerei ist weder eine immaterielles Phänomen, noch hat sie ein besonders nahes Verhältnis zur Kultur im klassischen Verständnis. Wenn man ‚immateriell‘ und ‚Kultur‘ auf die Erinnerung bezieht und von einer Erinnerungskultur spricht, dann passt vieles von dem, was in den letzten Jahrzehnten an zahlreichen Orten in der Bundesrepublik in Sachen Flößerei initiiert wurde, in diese Kategorie.“

In seinem Empfehlungsschreiben hatte Filser weniger den Aspekt des traditionellen Handwerks besonders hervorgehoben, sondern den Aspekt der Erinnerungskultur. „Die Erinnerungskultur der Flößerei  begann aufzublühen, nachdem sich das Interesse der Menschen und der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten vermehrt der Geschichte des heimatlichen Nahraums zuzuwenden begann. Ein guter Beleg dafür sind die zahlreichen Flößervereine, die in den 1990er Jahren gegründet wurden. Zusammen mit den wenigen bereits im 19. Jahrhundert entstandenen Flößervereinigungen haben sich fast alle Gruppierungen zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein der heimischen Bevölkerung  auf die einstmalige Bedeutung dieses alten Handwerks zu lenken und wachzuhalten. Dies geschieht durch die Erforschung der lokalen und überregionalen Geschichte des Flößerhandwerks. Zum historischen Wissenstransfer gesellen sich die Bemühungen, Werkzeuge fachgerecht herzustellen und damit  die für die jeweilige Region typischen Flöße zu bauen, auch die für den Betrieb der Flößerei  benötigten baulichen Anlagen zu rekonstruieren, sowie die Ergebnisse einem interessierten Publikum, worunter auch Touristen sein können, authentisch zu präsentieren. Und genau im letzten Satz steckt das im UNESCO-Logo genannte ‚Wissen-Können-Weitergeben‘. Genau diese drei Aspekte werden von den meisten alten und neugeründeten Flößervereinigungen praktiziert. Zum Beispiel zählt der 1865 gegründete Holzhacker- und Flößerverein Lenggries den „Erhalt der alten Traditionswerkzeuge“ zu seinen Zielen.

Die deutsche UNESCO Kommission wollte auch wissen, was Gemeinschaften und Gruppen tun, um diese Erinnerungskultur des kulturellen Erbes dauernd zu pflegen. „Auch in der Beantwortung dieser Frage  brauchte ich nicht zu flunkern, denn es gibt schöne Beispiele, wie die Flößerei in umfassendere Fragestellungen der regionalen Umweltbildung und Landschaftspflege, der kulturhistorischen, wirtschaftlichen  und touristischen Entwicklung eingebunden wird. Ich kenne etwa den Verein ‚Lebensraum Lechtal‘, der seine zahlreichen Veranstaltungen entlang des Flusslaufs 2007 unter das Thema ‚Lechfloß. Lebensräume verbinden‘ gestellt und dabei den Aktionen im benachbarten Tirol, aus dem der Lech kommt, großen Raum gegeben hat. Freizeitlich ausgerichtete Veranstaltungen, wie Flößerfeste, in denen der historische Floßbau vorgeführt und Anregungen zum eigenständigen Nachbau im Kleinen gegeben wurden, sowie wissenschaftliche Vorträge zur Geschichte der Flößerei konkurrierten mit einem breiten  Angebot von natur- und umweltkundlichen Exkursionen, mit Besuchen in Museen und mit sportlichen Aktivitäten.

Filser schloss seine Rede mit einem Zitat aus dem Papier der UNESCO Kommission, in dem begründet wird, warum die Flößerei in ihre Liste aufgenommen wurde. „Das kulturelle Erbe der Flößerei wird dort beschrieben als ‚gesellschaftliche und regionale Wissenstradition, die über praktische wie theoretische Erfahrungen vermittelt wird, ländliche mit städtischen Wirtschaftsbereichen verbindet und durch touristische wie freizeitliche Betätigungs- und Erlebnisformen lebendig gehalten wird‘ – also ‚Wissen-Können-Weitergeben‘.“

Besucher der Ausstellung  (Foto Schwenger)

 

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