Flößertag in Winsen/Aller

Floßmodell in Winsen

4. – 7. September 2014

Ist die Flößerei in Deutschland bald „Immaterielles Kulturerbe“? Das war die Topnachricht von Hans-Walter Keweloh, Vorsitzender der Deutschen Flößerei-Vereinigung, auf der Mitgliederversammlung im Rahmen des 27. Deutschen Flößertags. Unser Verein war mit Schriftführerin Sabrina Schwenger und Familie in Doppelfunktion dabei: Sie vertrat nicht nur unseren Verein, sondern hatten die ehrenvolle Aufgabe, auch die Internationale Flößerstadt Wolfratshausen, in der ja unser Vereinssitz ist, offiziell zu vertreten.

Die Deutsche Flößerei-Vereinigung strebt die Aufnahme in das Verzeichnis des „Immateriellen Kulturerbes in Deutschland“ an. Hier wurden entsprechende Gutachten bereits verfasst und die Bewerbung fristgerecht beim Senator für Kultur des Landes Bremen eingereicht. Nun muss man abwarten, wie die Bewerbung in dem langwierigen Verfahren beurteilt werden wird. „Wichtig ist auf jeden Fall: Die Flößerei als traditionelle Handwerkstechnik ist nun auch verstärkt in das Blickfeld der Politik gerückt“, betonte Vorsitzender Keweloh.

Doch das war nicht der einzige Höhepunkt des Deutschen Flößertags – genauer „Flößertage“, denn das Treffen dauerte ja wie immer vier Tage. Aus ganz Deutschland kamen Flößerfreunde zum 27. Deutschen Flößertag nach Winsen an der Aller auf Einladung des Winser Heimatvereins. Der Deutsche Flößertag ist eine Veranstaltung der Deutschen Flößerei-Vereinigung und findet jährlich statt, nach Winsen kamen heuer 13 Vereine mit insgesamt rund 140 Mitgliedern.

Unsere Schriftführerin Sabrina Schwenger erfuhr dort, wie man anderenorts mit dem kulturellen Erbe der Flößerei umgeht. An die nun längst vergangene gewerbsmäßige Warenflößerei erinnert der Arbeitskreis „Die Winser Flößer“ vom Winser Heimatverein (www.winser-heimatverein.de) mit etwa 60 Mitgliedern, der mit seiner museumspädagogischen Arbeit ein Stück Heimatgeschichte lebendig hält. Der Verein ist es ein Anliegen, die lebens- und Arbeitsbedingungen der Flößer zu erforschen und zu vermitteln. So leistet er einen wertvollen Beitrag zur Bewahrung der Tradition und zur Erinnerung an den harten und entbehrungsreichen Alltag dieser einst für die Region so wichtigen Berufsgruppe. Sie alle eint die große Leidenschaft am historischen Floßbau und an allem, was damit zusammenhängt. „Es ist ein gutes Gefühl, dass es bei uns und an anderen Orten Menschen gibt, die sich mit diesem prägenden Element unserer Vergangenheit auseinandersetzen und so unsere Geschichte lebendig halten“, lobte der Winser Bürgermeister Dirk Oelmann.

Im Rahmen des Treffens gab es Fachvorträge wie „Die Flößerei auf der Weser nach dem 2. Weltkrieg“, gehalten von Hans-Walter Keweloh, Vorsitzender der Deutschen Flößerei-Vereinigung. Im umfangreichen Programm waren auch Besichtigungen, wie des Winser Museumshofs, einer Wassermühle, einer Bockwindmühle, des Celler Schlosses und der frisch erblühten Heide samt Schäfer und Heidschnucken. Eine Floßfahrt konnte leider nicht unternommen werden - auf der Aller ist das für Touristen nicht erlaubt. Doch erzählten die Mitglieder des Arbeitskreises „Die Winser Flößer“ von ihrer Floßfahrt im vergangenen Jahr, sie findet seit 1997 etwa alle zwei Jahre statt.

Hans-Walter Keweloh hatte die Winser damals bei ihrer ersten Floßfahrt begleitet und schilderte nun seine Erlebnisse: „Als am Floßbauplatz die Kiefern in das Floß eingebunden wurden, sahen wir, wie stark Kiefernholz – anders als Fichtenholz, wie es zum Beispiel auf der Isar verwendet wird – nach dem Einbringen ins Wasser und dem Einbinden in das Floß einsinkt. Erleichtert stellten wir aber auch fest, dass das Floß schwimmfähig blieb. Die Floßfahrt selbst war dann die Entdeckung der Langsamkeit. Durch die Regulierung der Aller war die Fließgeschwindigkeit sehr viel geringer als früher. Vor allem vor den Schleusen nahm sie stetig ab. 500 Meter Vorwärtskommen in einer Stunde trotz intensiven Einsatzes der Stakstangen war der absolute Tiefpunkt. Aber es war auch eine Flößereierfahrung, die manche Quellen zur Flößerei in der Vergangenheit in neuem Licht erscheinen lässt.“ Besonderer Höhepunkt der Vereinsgeschichte war aber im Jahr 2007 die Fahrt bis zur Hansestadt Bremen. Und der Weg retour ging – wie in alten Zeiten – zu Fuß.

Gastgeschenke für die Winser Flößer

Beim offiziellen Festabend am Samstagabend überbrachte Sabrina Schwenger als Gastgeschenke zwei Träger unseres Flößerbieres für die Stadt Wolfratshausen sowie von unserer Seite unsere Flößerprodukte an die Winser Gastgeber. Im Rahmen der Vorstellung der Flößerstadt Wolfratshausen und unseres Vereins, lud Sabrina Schwenger die Winser, wie auch alle anderen Flößervereine ganz herzlich zum Deutschen Flößertag 2017 ein, der dann in Wolfratshausen stattfindet. Der Flößertag 2015 findet wahrscheinlich in Koblenz statt.

Geschichtliches zur Flößerei in Winsen

Die Flößerei als älteste Form der Holzverfrachtung lässt sich in Deutschland weit zurückverfolgen. Zum Beispiel auf Elbe, Rhein und Saale wurde die Flößerei im 13. und 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Auch in dieser Region, die im Landkreis Celle liegt, waren die Flüsse lange Zeit als natürliche Verkehrsadern genutzt worden, vor allem der Rohstoff Holz wurde über weite Strecken transportiert. So war die Flößerei auch ein wichtiger Handels- und Wirtschaftsfaktor und sicherte vielen Menschen die Existenz. Die Arbeitskreismitglieder berichteten insbesondere über die lange Flößertradition in Winsen, demnach ist es 2014 ist es nun genau 100 Jahre her, dass die gewerbsmäßige Flößerei auf der Aller eingestellt wurde.

250 Jahre (1675-1925) haben Winser Vorfahren die natürlichen Verkehrsadern der Flüsse genutzt, um den Rohstoff Holz über viele Kilometer zu transportieren. Im 19. Jahrhundert schnellte die Nachfrage nach Holz aufgrund der raschen Entwicklungen im Haus- und Schiffsbau beträchtlich empor. Besonders in Bremen und Bremerhaven blühte der Seebetrieb, die Werften hatten Hochkonjunktur. In den Wäldern der Südheide gab es genügend Holz, welches an die Hansestädte verkauft werden konnte. Doch wie waren solche Mengen kostengünstig dorthin zu transportieren? Die Lösung war die Beförderung mit Flößen, die von der Örtze über die Aller bis hin zur Weser stromab fuhren. Mit fast 2000 Gefährten im Jahr 1874 erhielt dieser Transportweg eine bedeutende wirtschaftliche Stellung für die hiesige Region. In den folgenden Jahrzehnten ging die Flößerei aufgrund der Konkurrenz durch die Eisenbahn immer mehr zurück und endete im 20. Jahrhundert schließlich vollständig.

Das Flößerhandwerk in Niedersachsen in früherer Zeit (aus: Wilhelm Bomann: Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen. Hildesheim 1982)

Das Zusammenbinden der Baumstämme zu einem Floß (Flott) erforderte genaueste fachliche Kenntnisse. Zuerst wurden zwei besonders kräftige Stämme als Seitenstämme des Floßes ins Wasser gerollt und so weit voneinander geschoben, wie das Floß breit sein sollte. In dieser Lage wurden sie durch je einen über die Enden gelegten hölzernen Querriegel, das Joch (Jöck) festgehalten, womit ein Rahmen für das entstehende Floß gebildet war.

Die Joche wurden mit Tauen zusammengehalten, die aus Birken- oder Weidenzweigen gedreht und in Löchern, die man zu Seiten der Joche in die Stämme bohre, verpflöckt wurden. Nun wurden die weiteren für das Floß bestimmten Holzstämme einzelnen von hinten unter dem Joch durch mit der Taststange (Schiebebau, Schufboom) in den Rahmen des Floßes geschoben, bis sie Seite an Seite mit den zuerst genannten Seitenstämmen lagen, und mit den beiden Jochen in der geschilderten Weise durch Birken- oder Weidentaue verbunden. Geschah dies in sorgfältiger Weise, so erhielt das Floß die zu seiner Fahrt nach Bremen erforderliche Festigkeit. Auf der nunmehr fertigen unteren Lage wurde das Floß bis zu seiner Tragfähigkeit mit weiteren lose aufgelegten Baumstämmen und mit Brettern und Latten beladen. Schließlich wurde ein einfacher Bretterverschlag als Schutz gegen die Unbilden des Wetters und ein ruderartiges Steuer hinzugefügt. …

Zu jedem Floß gehörten zwei Flößer, einer stand vorn mit der Schiebestange, einer, der für Floß und Fahrt verantwortliche Floßmeister, hinten am Steuer. Die beiden mußten das Flussbett mit seinen vielen scharfen Krümmungen, Buchten und Sandbänken genau kennen, und besonders der Floßmeister mußte ein geschickter und gewandter Lenker sein; fuhr das Floß fest, so kostete es viel Mühe, um wieder flott zu werden. Meistens jedoch kam man ohne Unfall in Bremen an. Die Dauer der Fahrt von Winsen bis Bremen richtete sich nach Wind- und Wasserstand, günstigstenfalls brauchte man 2 – 3 Tage, manchmal aber auch 5 – 6 Tage. Beim Eintritt der Dunkelheit wurde das Floß am Ufer festgelegt, worauf die Flößer die ihnen bekannte Herberge zur Nachtruhe aufsuchten.“

 

Zurück